2015
Von Mely Kiyak
Ich will Ihr Geld. Ich weiß nicht, wie ich es eleganter sagen soll. Ich könnte eine schöne herzergreifende Geschichte erzählen. Das Problem ist allerdings, dass gerade in den Wintermonaten alle eine herzergreifende Geschichte erzählen. Der Winter ist für Autoren der Monat, in dem sie die Wärmflaschen der Öffentlichkeit mit heißen Worten füllen.
Genau genommen brauche nicht ich das Geld. Klar, ich bräuchte auch welches. Aber ich spreche hier für UNICEF. Bis 2015 sollen 13 Millionen Kinder südlich der Sahara wenigstens eine Grundschulausbildung bekommen. Lesen, Schreiben, die armen Lehrer ein wenig auf die Palme bringen. Das ist doch wohl ein Grundrecht!
Baumaterial, Brunnen, Medikamente, Schulbücher, die wachsen leider nicht auf Bäumen. So gut waren wir alle in der Schule nicht, dass wir das schon erfunden hätten. Besonders tragisch: wenn es eine Schule gibt, und Du die Mindestvoraussetzung Heft und Stift nicht erfüllen kannst. Sicher denken jetzt spitzfindige Gemüter, „sollen doch die kleinen Afrikanerkinder mit Stöckchen Buchstaben durch den Sand ziehen“. Würden sie ja auch. Aber wie soll die Lehrerin das Diktat mit nach Hause nehmen und korrigieren? Ich meine, klar, es gibt für alles Lösungen. Bislang war es ja auch so, dass die Welt nicht untergegangen ist, bloß weil Menschen unterhalb des Äquators weniger Chancen auf Bildung und Freiheit hatten, als wir hier oben. Allein, es ist kein Naturgesetz. Und, wer will so eine Welt haben?
Mehr sage ich dazu nicht. Ich kann in 2015 Zeichen Ihren Sinn für Gerechtigkeit ohnehin nicht ändern. Ich sage nur das noch: Ich verdiene mein Geld mit dem Beruf des Schreibens. Es wäre ja auch merkwürdig, wenn ich dächte, Hauptsache, ich kann schreiben und lesen. Denn, wer liest mich dann? Und wenn mich keiner lesen kann, wer legt denn dann noch Wert auf meine Dienste?
Also, machen wir es kurz: Geben Sie Ihr Geld für Kinder aus, damit sie zur Schule gehen können. Ich sage nicht, teilen Sie Ihr Vermögen auf. Ich sage nur, geben Sie einfach etwas ab!
Mely Kiyak ist Publizistin. Ihre Artikel, Analysen, Essays und Kommentare sind erschienen u. a. in Die Zeit, Die Welt, taz, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung und Spiegel Spezial. Jeden Samstag erscheint ihre politische Kolumne in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung. Sie ist Autorin von 10 für Deutschland – Gespräche mit Türkeistämmigen Abgeordneten (2007) und Co-Autorin von zweiheimisch: Bikulturell leben in Deutschland (2006). Mely Kiyak war Mitglied der Islamkonferenz unter Wolfgang Schäuble und gehört der Mitgliederversammlung des Goethe-Institutes an.



