Schulen für Afrika

Herr Glüsing und der Rohrstock

Von Julia Karnick

Eines Morgens vor fast 70 Jahren saß ein fremdes Kind in der Schule eines Dorfes in Dithmarschen: ein siebenjähriges Mädchen aus Hamburg. Eine Bombe hatte das Haus
zerstört, in dem es mit der Mutter gelebt hatte. In dem Dorf hatten sie Zuflucht gefunden bei der Familie des Vaters, eines Bauernsohnes.

Der Vater, ein Beamter, war früh an einer Herzerkrankung verstorben, die Pension war klein. Die Mutter, Tochter eines Droschkenunternehmers und einer Schneiderin, hatte mit 15 eine Hauswirtschaftslehre gemacht. Nun half sie auf dem Hof, das Mädchen ging zur Dorfschule. Der Lehrer hieß Herr Glüsing. Er hatte dunkle Locken, eine Hornbrille und einen Rohrstock. Mit dem Stock strafte er die Kinder, die keine Fragen stellten: "Ihr sollt sagen, wenn ihr etwas nicht versteht! Wer nicht nachfragt, bekommt zehn Schläge!" Das Mädchen musste nur ein einziges Mal die Hände ausstrecken.

Die Dorfschule bestand aus einem großen Raum, in dem die Erst- bis Achtklässler zusammen saßen. Jede Stufe hatte eine eigene Bankreihe, die Stufenbesten saßen am Mittelgang. Das Mädchen saß fast immer am Gang. Neben ihm saß meist Hildegard, die beste Freundin, eine Bauerntochter. Wenn Herr Glüsing den Älteren etwas erklärte, mussten die Jüngeren still arbeiten. Wenn sie fertig waren, durften sie zuhören. Mit Zehn lernte das Mädchen den Satz des Pythagoras.

Nach fünf Jahren sagte Herr Glüsing zur Mutter: "Die gehört auf's Gymnasium!" Die Bauern sagten: "Dien Vadder wollt ook immer wat Bederes sin!" Die Mutter sagte: "Dein Vater wäre gerne länger zur Schule gegangen, aber er musste Geld verdienen. Er wollte, dass du werden kannst, was du willst!" Das Mädchen wollte zum Gymnasium. Im Sommer fuhr es auf dem Rad – sieben Kilometer zur Schule und zurück. Im Winter nahm es den Bus, das kostete Fahrgeld, manchmal war die Haushaltskasse schon vor Monatsende leer. Hildegard, die Bauerntochter, wollte auch zum Gymnasium. Sie durfte nicht.

Aus dem Mädchen wurde eine Frau, sie machte Abitur. Sie wurde Lehrerin, heiratete einen Lehrer und bekam drei Töchter. Den Töchtern erzählte sie sehr oft von Herrn Glüsing, seinem Rohrstock und davon, was für ein Glück es ist, fragen und lernen zu dürfen. Die älteste Tochter wurde Ärztin, die Schwester PR-Beraterin. Ich, die Jüngste, bin Journalistin.

Hildegard, die Bauerntochter, hat sehr jung geheiratet. Bei der Geburt des zweiten Kindes ist sie gestorben.

Zurück zur Übersicht

Mit Ihrer Hilfe...

... kann UNICEF Klassenzimmer bauen, für Schulmaterial sorgen und Lehrer schulen.

Online spenden

StudiVZ Facebook Twitter Artikel weiter verteilen

News & Infos

September 2011 "Schulen für Afrika" wirkt

Schon 5.5 Millionen Kinder haben dank der Kampagne einen guten Platz zum Lernen bekommen. Das ist die tolle Bilanz der ersten fünf Jahre. Mehr

Projektpartner

  • Hamburger Gesellschaft
  • Nelson Mandela Foundation
  • UNICEF

Seien Sie dabei

Freunde aktivieren

Link an Freunde und Bekannte versenden

Jetzt Freunde aktivieren