Plädoyer wider die Ökonomisierung der Bildung
Von Jürgen Zurheide
Eigentlich müsste ich mich heute fast schämen. Für meinen Abschluss als Volkswirt habe ich insgesamt 12 Semester an zwei Universitäten gebraucht, die Regelstudienzeit überzogen. Ich habe mir zu Beginn des Hauptstudiums Zeit gelassen, das Wahlfach sorgfältig auszuwählen; mal hier und dann wieder dort hineingehört, mich erst anschließend entschieden. Auf dem Weg zum Examen liefen abends die Diskussionen außerhalb des Lehrplans bei Bier und Mettbrötchen weiter. Wir mühten uns, die anthropologischen Grundlagen der gültigen Wirtschaftstheorien zu hinterfragen und fanden sogar einen Professor, der bereit war, dies mit uns – natürlich nicht prüfungsrelevant – zu debattieren. Ich hatte den Freiraum, nebenbei erste Gehversuche als tagesaktueller Schreiber zu unternehmen und war eher stolz, als mein Professor zu mir sagte, er habe eine wissenschaftliche Hausarbeit nicht ganz so gut bewertet, weil sie ihm doch ein wenig zu journalistisch geraten sei. Das war 1982 und scheint mir aus heutiger Sicht unendlich weg weit. Kürzlich riefen mich die Studenten einer führenden Hochschule an der Ruhr an, ich sollte eine Diskussion mit Vertretern aller Landtagsparteien moderieren. Im Audi Max waren weit mehr als 1500 Studierende, die mit Trillerpfeifen und ohrenbetäubendem Lärm vor allem dem freidemokratischen Wissenschaftsminister klar machten, was sie von seiner Politik halten. Bei der Debatte lernte vor allem das Podium viel: Immer mehr Studierende müssen arbeiten; nicht zuletzt die Gebühren wirken wie sozialer Sprengstoff. Entfaltung des Geistes war gestern, heute gibt es verschulte Kurse mit permanenter Erfolgskontrolle im Stundentakt. Sozialwissenschaften geraten an den Rand, weil sie nicht arbeitsmarktrelevant sind. Statt dessen bilden unsere Hochschulen Ökonomen aus, die zwar Finanzkrisen produzieren, deren Geist aber gerade dann versagt, wenn sie Instrumente entwickeln sollen, die solche Fehlentwicklungen künftig verhindern oder gar helfen könnten, die Verursacher auch wirklich zu beteiligen. Wenn Geist wirklich der einzige Rohstoffe ist, den wir weltweit anzubieten haben, sollten wir ihm wieder den Raum zur Entwicklung geben, den er verdient. Dass das am Ende wirklich ökonomisch ist, habe ich gelernt - vielleicht weil ich mir etwas mehr Zeit gelassen habe.
Jürgen Zurheide
Jürgen Zurheide beobachtet als gelernter Volkswirt seit mehr als 20 Jahren die politische Landschaft in Deutschland. Er schreibt u.a. für den “Tagesspiegel”, die Stuttgarter Zeitung und “Cicero” und hat feste Sendungen im WDR-Fernsehen, WDR-Hörfunk und Deutschlandfunk.

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