Schulen für Afrika

"Jede Schule ist einmalig!"

Interview mit Carlos Vasquez, Architekt für kindgerechte Schulen

Bildung schafft Zukunft – dass dies Realität werden kann, dazu braucht es vor allem Schulen. Auf der ganzen Welt ist der Zugang zu Schulen vielerorts noch nicht gewährleistet. Vor allem die afrikanischen Länder südlich der Sahara sind betroffen, wo etwa jedes dritte Kind nicht zur Schule geht. Hier engagiert sich „Schulen für Afrika“ u.a. mit dem Bau von Schulen. Diese Schulen haben den Anspruch, die Schüler durch ein kindgerechtes Lernumfeld auch dort zu halten. Denn in vielen bestehenden Schulen leiden die Kinder unter Hitze, ungenügenden Hygiene-Bedingungen oder zu wenig Freiraum. Es sind Schulen, die ohne ausreichendes Konzept entstanden sind.

An der optimalen Schule arbeitet die UNICEF-Initiative “Child Friendly Schools” (CFS). Der chilenische Architekt Carlos Vasquez ist einer von vielen CFS-Mitarbeitern. Täglich tüftelt er an kind- und ortsgerechten Lösungen für den perfekten Ort zum Lernen: Dazu gehören alternative Baustoffe, Erfahrungen mit den Menschen vor Ort und der Wunsch, Kindern das Lernen nicht nur zu ermöglichen, sondern auch leichter zu machen. Carlos Vasquez erzählt:

 

Wie sind Sie zu UNICEF und den „Child Friendly Schools“ gekommen?

Als ich 1988 zu studieren begann, hat mich gerade die soziale Dimension von Architektur interessiert. Die ersten 15 Jahre habe ich mich Projekten wie Gesundheitscentern für alleinstehende HIV-infizierte Mütter, Schulen, Obdachlosen-Heimen und sozialem Wohnungsbau gewidmet. Meine Leidenschaft für Geschichte, Photographie und Reisen führte dazu, dass ich auch Projekte realisierte, die nicht Architektur per se waren. Ich bin zu UNICEF gegangen, weil ich hier meine Erfahrungen in eine bessere Lebensqualität von Kindern investieren kann. CF-Schulen zu bauen, ermöglicht politische Einflussnahme und verbessert das Bildungsumfeld für Kinder, die keinen oder wenig Zugang zu Bildung haben.


Was ist die grundlegende Idee hinter CFS?


Die Antwort ist sehr einfach: CF-Schulen setzen das Kind in den Fokus jeder Entscheidungsfindung. Darüber hinaus ist CFS ein Ansatz, der auf Grundrechten basiert: Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung! Heute haben über 100 Millionen Kinder keinen Zugang zur Schule. Wenn man die Bedürfnisse von Kindern ins Zentrum von Entscheidungen stellt, kann man das Leben der Benachteiligsten grundlegend verändern. Die Staaten müssten nur einen Bruchteil ihrer finanziellen Ressourcen für Bildungsprogramme aufwenden, um ein anderes Lernumfeld zu bieten: alters- und geschlechtergerechte Sanitäranlagen, bewegliche Möbel, ausreichende Beleuchtung, Ventilation und so weiter. CF-Schulen sind ein Ort zum Lernen und nicht ein Platz, wo Erwachsene ihren Job machen. 


CFS-Projekte gibt es auf der ganzen Welt. Was sind die Unterschiede, und was die Gemeinsamkeiten von Land zu Land?


Eine der Säulen von CFS ist etwa: die Architektur soll die lokalen Bedingungen reflektieren, um für die Schüler von Relevanz zu sein. Wir glauben, dass Kinder auch lernen, wenn sie mit der Schularchitektur interagieren und in der Gemeinschaft.
Wir haben 5 Grundelemente, die eine Schule zur Schule machen:

1. Klassenräume: ausreichend Licht, frische Luft und Notausgänge
2. Zugang zu Wasser und Sanitäranlagen: Trinkwasser und Hygiene sind ein Muss
3. Lehrerzimmer: der Lehrkörper braucht eigene Räume für den persönlichen Gebrauch
4. Freiflächen: Gemüsegärten, Sportfeld, Spielplatz
5. Zaun: der Zaun schützt die Schule und auch die Schüler
Diese Komponenten können verschiedene Ausprägungen haben, um den lokalen Bedingungen vor Ort gerecht zu werden.


Was sind die Herausforderungen beim Bau einer Schule in Afrika?


Afrika hat eine der höchsten Entwaldungsraten der Welt. Außerdem betrifft der Klimawandel Millionen von Menschen: Wüstenbildung, Dürren und Flutkatastrophen werden mehr. Ernährungssicherheit wird dadurch noch wichtiger. Diese Themen spielen auch für die Architektur und den Bauprozess eine wichtige Rolle. Das vorhandene Baumaterial entscheidet manchmal darüber, was wir machen können: In Somalia ist z.B. kein Baumaterial erhältlich, weshalb Transport und Logistik ein Schlüsselelement bei der Planung sind. Madagaskar hat mehr als 90% seines Waldes verloren: Alternatives Baumaterial zu finden ist der Umwelt zuliebe wichtig, aber auch um ein nachhaltiges und verantwortliches  Bauprojekt zu entwickeln.


Welche Erfahrungen machen Sie vor Ort, wenn Sie Schulen bauen?


Schulen haben einen enormen emotionalen und psychologischen Einfluss auf Gesellschaften, die von Naturkatastrophen und Bürgerkriegen betroffen waren. Die Schule ist ein Symbol der Hoffnung und Veränderung zum Besseren. Statistiken zeigen, dass gerade die ärmsten Gesellschaften in Bildung investieren. Als wir 2009 im vom Bürgerkrieg zerstörten Guinea waren, tanzten und weinten die Leute, denen wir die Pläne der Schulen zeigten. In Myanmar hat sich eine ganze Gemeinde während des Zyklons Nargis in eine neue Schule geflüchtet – traditionell sucht man im Tempel Zuflucht! Die Schule bedeutet viel mehr als nur Schulbücher, sie ist Teil der psycho-sozialen Landkarte jeden Gemeindemitglieds. Ich lerne von jeder Schule, die ich besuche und von jedem Gespräch. Jede Schule ist einmalig, und jedes Lernumfeld reflektiert die Geschichte und Kultur des Ortes. Ein Schulmodell für jedes Land, bezahlt von einer Institution, das funktioniert nicht mehr. Wir müssen die Bemühungen der Gemeinden vor Ort unterstützen!


Wie haben Sie Ihre eigene Schulzeit erlebt?


Ich habe meine ganze Schulzeit in Chile verbracht. Das System war sehr streng und basierte auf dem europäischen Schulsystem. Die Infrastruktur war dazu da, Authorität und Gehorsam unter den Schüler zu erzeugen. Der Unterricht war eine Übertragung von Informationen: Ein Erwachsener gab feststehende Informationen weiter. Der Stundenplan hatte die europäische Geschichte auf der Agenda, nicht etwa die großen Kulturen Lateinamerikas: Inkas, Mayas und Atzteken. Das Fach hieß “Weltgeschichte”, obwohl es klar eurozentrisch war. Um die Aufmerksamkeit eines Kindes zu bekommen, muss seine Ausbildung relevanter sein!


Erfahren Sie mehr unter:
http://www.educationandtransition.org/category/ask-the-expert/ask-the-architect/

Bildergalerie

Carlos Vasquez bei einem Projekt in der Elfenbeinküste.

Bildergalerie

Eine Schule in Liberia

Bildergalerie

Eine Schule in Liberia

Bildergalerie

Ein Gemeinschaftsraum in Liberia

Bildergalerie

Zimmermänner in Liberia bei der Arbeit

News & Infos

September 2011 "Schulen für Afrika" wirkt

Schon 5.5 Millionen Kinder haben dank der Kampagne einen guten Platz zum Lernen bekommen. Das ist die tolle Bilanz der ersten fünf Jahre. Mehr

Projektpartner

  • Hamburger Gesellschaft
  • Nelson Mandela Foundation
  • UNICEF

Seien Sie dabei

Freunde aktivieren

Link an Freunde und Bekannte versenden

Jetzt Freunde aktivieren