Interview mit dem Autor Hermann Schulz
Fußball gibt Halt
Wenn es um Afrika, seine Kinder, seinen Fußball und seine Literatur geht, ist Hermann Schulz der Richtige. Er schreibt vor allem Kinder- und Jugendbücher – häufig spielen die Geschichten in Afrika und haben mit Fußball zu tun - wie im Pixi-Buch „Temeos Länderspiel“ oder „Mandela und Nelson“ (Carlsen). Schulz hat selber afrikanische Wurzeln: Er wurde 1938 in Nkalinzi in Ostafrika als Sohn eines Missionars geboren. Kindheit und Jugend verbrachte er am Niederrhein und lebt heute nach mehreren Reisen im Vorderen Orient und Afrika in Wuppertal. 1967 bis 2001 leitete Hermann Schulz den Peter Hammer Verlag und engagierte sich vor allem für die Literatur Afrikas. 1981 erhielt er den Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal, 1998 verlieh ihm das P.E.N.-Zentrum die Hermann-Kesten-Medaille. Wir haben mit Hermann Schulz gesprochen – über die Fußball-Weltmeisterschaft, Fußball in Afrika und die Bildungssituation für die Kinder.
Was bedeutet die WM für den afrikanischen Kontinent? Was können der Fußball und die internationale Aufmerksamkeit bewirken?
Afrika hat zum ersten Mal das Gefühl: Wir spielen mit, wir werden ernst genommen. Die Begeisterung in allen afrikanischen Ländern ist riesengroß. In Afrika gibt es dabei kaum nationale Trennung wie hier in Europa: Wenn eine afrikanische Mannschaft gewinnt, dann wird ganz Afrika jubeln! Nicht nur durch die Fans, die nach Afrika reisen, sondern auch durch die gute Berichterstattung über afrikanischen Alltag, kann der Kontinent gewinnen. Da sind Themen aufgerissen und Bilder vermittelt worden, die das Afrikabild verändern.
Welche Rolle spielt Fußball für die afrikanischen Kinder – welche Bildung?
Ich habe vor allem in Tansania erlebt, wie Pfarrer, Lehrer oder Politiker begriffen haben, dass Fußball geeignet ist, Jugendlichen einen Halt zu geben - Ihnen zu zeigen, dass Gewinnen nicht den Sieg über einen anderen bedeutet und Verlieren nicht unbedingt eine Niederlage ist. Es findet eine Verzahnung von Fußball und Schule statt: Im tansanischen Bagamoyo, wo mein Buch „Mandela und Nelson“ spielt, fliegen Fußballspieler aus der Mannschaft, wenn sie nicht zur Schule gehen. Gleichzeitig bekommen sie das Versprechen, dass bei einem Schulabschluss auch für eine anschließende Arbeit gesorgt ist. Fußball hat also eine ganz starke soziale Funktion, weshalb sich die Kinder in den Fußballvereinen scharen. So findet ja auch Austausch statt - über die soziale Lage, über Probleme in der Stadt. Es ist eine Gelegenheit, die Jugendlichen mit in das Gesellschafts-Gespräch zu integrieren. Das ist von Land zu Land, von Stadt zu Stadt verschieden und abhängig von der Initiative einzelner Leute, aber diese private Verantwortung hat mich am Meisten in Afrika beeindruckt.
Fußball ist also auch Mittel zum Lernen?
Es gibt ja Gründe, weshalb sich etwa der Fußballclub in Bagamoyo „Social Club“ nennt. Die Trainer und Vorstände versuchen, die Jugendlichen gleichzeitig an Fragen heranzuführen, die über Fußball hinausgehen. Alles passiert sicher ein bisschen autoritärer als hier, aber es hat seinen Sinn in der Führung junger Leute, denen ja sonst von der Gesellschaft fast nichts angeboten wird. Die Jugendlichen in Westafrika sind oft verführt von der Hoffnung, sie kämen irgendwann nach Frankreich oder Italien und verdienten das große Geld. Das ist in Ostafrika seltener, weil die Kontakte zu Europa nicht so stark sind. Das Wichtigste ist, dass die Kinder in den Schulen ein Gefühl dafür kriegen, wofür sie lernen.
Wie haben Sie die Schulsituation erlebt?
Es gibt z.B. in Bagamoyo gute Schulen, aber zu wenig Räume, aber es fehlt an guten engagierten Lehrern, denn die wollen alle in die großen Städte. Die Klassen sind manchmal bis zu 100 Kinder groß. Das ist ein Riesenproblem: Da sitzen manchmal drei Lehrer in einem Raum, und jeder unterrichtet in einer Ecke. Außerdem spielt das Buch keine Rolle: In ganz Tansania gibt es so viele Buchhandlungen wie in Wuppertal. Es gibt keine Vertriebsstruktur und kein Bewusstsein dafür, dass das Buch ein Teil der Welt ist, Türen zur Welt öffnet. Wenn gelehrt wird, dann mündlich. Da wird richtig gepaukt: Moderne Lernkonzepte fassen nur ganz langsam Fuß. Die ökonomischen Verhältnisse sind katastrophal: Lehrer verdienen sehr wenig, und ein Klassensatz Bücher ist ein Riesenproblem, weil die Schüler sich nicht beteiligen können. Das Projekt „Schulen für Afrika“ ist das wichtigste in der gesamten Entwicklungshilfe - nach 20 Jahren Reisen und mit vielen afrikanischen Freunden kann ich das so sagen!
Ähnlich wie in ihren Büchern „Temeos Länderspiel“ oder „Mandela und Nelson“ trifft 2010 afrikanischer Straßenfußball auf Profifußball. Wer meinen Sie lernt von wem?
Die Afrikaner haben durch das Fernsehen viel von Europa gelernt und gucken sich Spiele vor den Fernsehern an, die sie auftreiben können. Die wissen genau, wer Michael Ballack ist und vor allem, welche Afrikaner hier Karriere gemacht haben. Die meisten afrikanischen Mannschaften haben europäische oder brasilianische Trainer und versuchen, an der Weltspitze mitzuhalten. Die Art des Spiels ist viel kreativer, viel weniger technisch und lässt unheimlich viel Raum für besondere Einfälle oder spontane Angriffe. Technisch sind die nicht auf dem Stand von Italien oder Deutschland, aber das gleichen sie durch Leidenschaft und Kreativität aus.








