Notlager und Steinbruch
Im September 2009 hatten 150.000 Menschen in Ouagadougou unter extrem starken Regenfällen und Überflutungen zu leiden, Zahntausende verloren ihre Häuser. Eines der Notfalllager, die mit Hilfe von UNICEF errichtet wurden, haben wir heute Vormittag besucht. Ein Zeltlager für 4.000 Menschen, inklusive einer Zeltschule, Wasserpumpen und Latrinen.
Eva Padberg besucht ein Notfalllager in Ouagadougou.
Da die meisten Menschen schon eine Weile im Lager sind, ist eine Art von Alltag eingekehrt. Die Männer gehen in der Stadt nach Arbeit suchen, die Kinder besuchen die Schule, manche von ihnen zum ersten Mal, und die Mütter kümmern sich um die ganz Kleinen.
"Wir haben alles verloren"
Sakina Odana, 27 Jahre alt, erzählt uns, dass sie und ihre Familie alles verloren haben. Ihr Haus, all ihre Besitztümer, sie haben nichts als die paar Sachen, die sie von UNICEF bekommen haben, um sich nach und nach wieder ins Leben zu finden. Dazu gehören Moskitonetze, Töpfe und Kleidung. Die Regierung plant die Familien demnächst an einen anderen Ort umzusiedeln, wo sie sich ein neues Zuhause aufbauen können. Mit 100 € Unterstützung. Mit 100 € ein neues Haus und ein neues Leben aufbauen, für drei Kinder ... das klingt selbst für burkinerische Verhältnisse unmöglich.
Eines ihrer Zwillingsmädchen (7 Monate) ist krank, weil sie nicht genügend Milch für beide hat. Die Ärzte kümmern sich darum, aber in der brütenden Hitze des Zeltes, das wie alle anderen in der prallen Sonne steht, geht es mit der Genesung einfach langsamer voran. Sakina möchte wieder für ihre Familie sorgen können, für sie kochen und den Haushalt machen. Aber in der momentanen Situation kann sie nur warten, dass die Tage vorbei ziehen und sie irgendwann einmal wieder ein richtiges Zuhause für sich und ihre Familie hat.
Dass die Menschen hier uns immer wieder so einfach in ihr Leben lassen, ohne Skepsis, Vorurteile und Erwartungen, macht mich fast ehrfürchtig ihnen gegenüber. Die Kinder haben trotz der Katastrophe ihr Lachen nicht verlernt und sind total aufgedreht, als sie mit uns durch das Lager gehen. Kinder sind immer Kinder, egal auf welchem Kontinent, in welcher Farbe oder welche Sprache sie sprechen. Sie haben immer dieselbe Art miteinander zu lachen, zu spielen, zu streiten...wenn man sie lässt.
Am Nachmittag haben wir einen Ort besucht, an dem Kinder nicht mehr Kinder sein können. Ivuro Fabrice ist 14 Jahre alt. Als er noch jünger war, ist er drei Jahre lang in die Schule gegangen. Seit einem Jahr arbeitet er mit seiner Familie in Ouagadougou, im Granitsteinbruch von Pissy. Er beginnt mit seiner Arbeit morgens um 6.00 Uhr und endet um 17.00 Uhr. Elf Stunden in der prallen Sonne auf dem bloßen Steinboden sitzend, klopft Fabrice mit einem Eisenkolben Granitsteine zu Granitkies...per Hand. Seine Mutter und Vater arbeiten auch dort.
Die Frauen sind dafür zuständig, die Steine zu zerkleinern. Oder sie transportieren auf ihrem Kopf riesige Granitbrocken von einem Ort zum nächsten. Dass es hier keinerlei Sicherheitsvorkehrungen für die Arbeiter gibt, muss man nicht erwähnen. Überall liegt ein schrecklicher Geruch von verkohltem Gummi in der Luft. Der kommt von den Autoreifen die verbrannt werden, um den Granit porös zu machen und zu spalten. Nach kürzester Zeit bekommt man davon Kopfschmerzen und einen sehr trockenen Hals. Nicht auszudenken, was das langfristig für Auswirkungen auf die Gesundheit hat.
Wenn ich mir je ein Bild von der Hölle gemacht habe, sieht es so aus wie dieser Ort. Fabrice ist nicht das einzige Kind dort. Und auch nicht der Jüngste. Ich sehe Babys, die auf den Rücken der Mutter gebunden sind, während sie Steine klopft. Kleinkinder, die barfuss und von Kopf bis Fuß mit Steinstaub bedeckt ihren kompletten Tag in dieser Hölle verbringen müssen.
"Terre des Hommes" eröffnet Kindergarten
Einen kleinen Lichtblick gibt es am Ende doch. Ein Kindergarten der UNICEF-Partnerorganisation Terre des Hommes. Er wurde für genau diese Kinder in ein paar hundert Meter Entfernung eröffnet. Was für ein Szenenwechsel! In dem Moment sind das für mich die glücklichsten Kinder, die ich je gesehen habe. Die Mütter wechseln sich in der Betreuung ab. Einige von ihnen arbeiten schon ihr ganzes Leben in Steinbrüchen und sind überglücklich über die Chance, die sich ihren Kindern jetzt bietet. Ohne diese Einrichtung müssten sie ihre Kinder mit zur Arbeit nehmen. Ein Betreuer spielt mit den Kleinen, bringt ihnen Lieder, Gedichte und das Zählen bei. Alles auf sehr kinderfreundliche, spielerische Art. Die Eltern sind auch hier in Komitees organisiert. Die Gemeinschaft hält zusammen, und man hilft sich gegenseitig.
Jedoch sind es viel zu viele Kinder, die diese Chance noch nicht erhalten haben und weiterhin in der vergifteten Atmosphäre des Steinbruchs aufwachsen. Für alle reichen die Mittel bis jetzt noch nicht aus. UNICEF will jetzt schnellstens weitere Projekte wie das von Terre des Homme unterstützen und aufbauen. Ich hoffe, dass dann auch Fabrice die Gelegenheit bekommt, seinen Traum irgendwann einmal zu verwirklichen...er möchte wieder in die Schule gehen und später einmal Chauffeur werden.

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